Bertolt Brecht

"Ich sitze am Straßenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?"

Begegnet ist mir dieses Gesicht zum ersten Mal geschrieben auf der Wand eines alten Landhauses südlich von Siena. Ich machte Urlaub und genoss es fernab von der Hektik des Alltags, Fern von Zeitungen, TV, Computer und Nachrichten einfach nur zu sein. Vielleicht hat es mich auch deshalb sofort angesprochen.

Die der Mann am Straßenrand mit seiner Panne herausgenommen aus dem Trott des Alltags… und sich dessen bewusstwerden. Ich denke, die Seele braucht solche Auszeiten. Herausgenommen aus dem, was ich glücklich hinter mir gelassen und was ich ohne es zu wollen noch vor mir habe im Augenblick einfach zu sein. Da sitze ich, ohne dass mich einer fragt, ohne dass ich ein Problem zu lösen habe – das macht ja der Fahrer – und bin minutenlang ich. Manchmal ist das schon eine denkwürdige Begegnung, die mit sich selbst.

Verstehen wir uns doch in so unendlich vielen Rollen: als Mitarbeiterin einer Firma, als Vater in der Familie, als Oma, Onkel, Nachbar, bester Freund, gute Zuhörerin. Wir alle spielen so unendlich viele Rollen, haben so unglaublich viel zu tun und vergessen doch dabei, einfach mal ich selbst zu sein. Die Scheu ist manchmal groß, denn es könnte ja auch sein, dass ich mir selbst nicht mehr wirklich etwas zu sagen habe oder dass ich mich mit mir selbst auseinandergelebt habe.

So tut es gut, beizeiten einfach einmal dazusitzen, ohne Aufgabe, ohne Ablenkung von sich selbst, ohne Handy in der Hand und den Überblick über die neueste Nachrichtenlage oder den Klatsch, der mich über soziale Netzwerke erreicht. Sei einfach einmal mit dir selber zusammen, herausgenommen, ein paar Minuten nur.

"Denn alles Ding, hat seine Zeit", heißt es schon beim Prediger Salomo im 3. Kapitel. Geboren werden, Sterben, lieben, hassen herzen und aufhören zu herzen. So nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist. Vielleicht können wir ein wenig davon in die Zeit nach dem Radwechsel, nach dem Urlaub, hinüberretten in die Zeit angefüllt mit Arbeit, Nachfragen und Ansprüchen an uns selbst.

(Pfarrer Matthias Weber-Ritzkowsky, Kirchengemeinde Linnep)