Was mich bewegt ...

Mich bewegt derzeit, nach den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen, dass es, soweit ich sehe, noch immer keine rückschauende, informierte Diskussion gibt, ob es wirklich nötig war oder realistischerweise vermeidbar gewesen wäre, Krankenhäuser und Heime ziemlich rigoros für Besuche und Besucher zu schließen.

Manchmal bedeutete das zum Beispiel, dass Sterbende nur von einem einzigen der nächsten Angehörigen in ihren letzten Stunden begleitet werden konnten. Manchmal waren gar keine Besuche möglich. Dafür gab es natürlich Begründungen. Prinzipielle und spezielle, z.B. die knappe Schutzkleidung, trotz vorheriger Warnungen. Auch Abwägungsschwierigkeiten im Hinblick auf Ausnahmen. Doch das Ergebnis waren viele traumatisierende Erfahrungen für die Betroffenen, inklusive des Personals in vielen Fällen. Wobei ich trotzdem gerne die erwähnen möchte, die stillschweigend Ausnahmen möglich gemacht haben, ohne verantwortungslos zu sein.

Ich gebe zu: Mein Verdacht ist, wir schulden als Gesellschaft den Betroffenen eine Entschuldigung für ein politisches und gesellschaftliches Versagen. Und eine zentrale Schlussfolgerung dessen, was ich von Jesus gelernt habe, ist, dass wir ehrlich miteinander sein sollen. Und das beinhaltet auch, sich um Verzeihen zu bemühen, wo Verfehlungen, inklusive der „gutgemeinten“ eingestanden werden.

Wo das geschieht, wirkt es meist nicht nur befreiend auf den, der Fehler eingesteht. Die Frage ist freilich, wer bei „Systemversagen“ den Mut aufbringt, auch eigenes Versagen einzugestehen. Doch wer nicht aus seinen Fehlern lernt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.

(Pfarrer Dr. Steffen Weishaupt, Kirchengemeinde Lintorf-Angermund)