Angedacht, Jürgen Artmann, Pfarrer KG Mettmann
Im Moment schlafe ich schlecht. Nicht wegen langsam sich einstellender seniler Bettflucht, sondern weil die Tagesnachrichten mich umtreiben. Da ist das Geschrei rücksichtsloser Heilsbringer, die die Welt in Freund und Feind teilen, wobei zum Feind-Sein schon reicht, nicht nützlich zu sein. Geltendes Recht und geschlossene Verträge kümmern sie nicht. Was zählt ist vermeintlich das eigene Volk, in jedem Fall die eigene Sache und ganz bestimmt das eigene Selbst.
Die Geschwindigkeit, mit der diese verachtungsvolle Haltung viral geht, erschreckt mich. Wie mich auch die Veränderung der Sprache erschreckt, mit der über Menschen geredet wird. Die Wirklichkeit, die sie schafft, will ich nicht hinnehmen. Alles wahlkämpfende Posaunen konzentriert sich gegenwärtig auf die Frage nach dem Umgang mit Migranten. Als wäre nichts sonst von Belang. Dass sie illegal sind, ist längst stereotyp. Die Sicht auf die vielen, die das eben nicht sind, verkleistert.
„Die Fremden“ haben sprachlich längst keine Chance mehr, Menschen zu sein. Sie sind nur noch „DAS Problem“, dessen uns zu entledigen als Gebot der Stunde gilt, Hauptsache weg. Wie ein Sturm umtost es mich, wird lauter garstiger, wütender. Die Suche nach dem richtigen Weg für 8 Milliarden Menschen findet vielleicht irgendwo statt, geht aber im wirbelnden Getöse völlig unter. Das macht mich schlaf- und manchmal sogar sprachlos. Und das will bei mir was heißen.
Am Sonntag wird an vielen Evangelischen Orten über eine stürmische Geschichte voller Schlaflosigkeit gepredigt werden (Markus 4, 35-40). Die Jünger sitzen mit Jesus in einem Boot und sie umtobt ein vernichtender Orkan. Die Jünger erstarren in Panik und Jesus? - schläft. Sie wecken ihn. Jesus sieht verwundert ihre Lähmung und beendet den Sturm.
Wenn wir mal außer Acht lassen, dass die Geschichte auch erzählen könnte, dass Jesus sowieso alles und darum im Sturm auch schlafen und seine Freunde beschützen kann, erzählt die Geschichte vor allen Dingen von dem einen Unterschied zwischen dem Vertrauten Gottes und seinen Schülern. Jesus kann ruhig im Sturm schlafen, weil er weiß, dass er unter dem Segen Gottes immer eine Möglichkeit haben wird, mit dem Sturm umzugehen. Darum lähmt ihn die Angst nicht. Und die Geschichte sagt den Jüngern und mir zu: Ihr habt diese Möglichkeit auch. Darum hören sie, höre ich Jesus sagen: Leute, keine Panik. Ihr werdet nicht ohnmächtig sein. Gemeinsam schon mal gar nicht.
Wenn ich des Nachts schlaflos liege, hoffe ich auf die Erinnerung an diese Geschichte. Ich muss nicht erstarren. Ich kann etwas tun. Als nächstes auf jeden Fall wählen.